Orpheus in der Unterwelt - AZ
Aargauer Zeitung
Barbara Scherer

Mit Lüge, Lust und Laster unterhalten

Die Operette des Orpheus verführt auch das Publikum in die Unterwelt

Ach welch Laster kann das langjährige Eheleben sein. Seit Jahren unglücklich verheiratet und noch immer zusammen – so geht es Orpheus und Eurydike. In einer musikalischen Form erzählt Jacques Offenbachs «Orpheus in der Unterwelt» das Leid der Eheleute. Die satirische Operette wird unter der Regie von Thomas Dietrich zusammen mit Laienschauspieler und dem Opera Brevis Chor aufgeführt. Die Bühne wird zum Schauplatz von Ehebruch und lasterhaftem Leben. Mit kraftvollem Gesang entführt das Stück seine Zuschauer in die Welt der griechischen Götterwelt. Gleichzeitig ist es eine Parodie auf die Doppelmoral des französischen Kaiserreichs zu Offenbachs Zeit.

Gekonnt passt der Regisseur einzelne Aspekte auf die heutige Zeit an. So betritt der Götterbote mit dem Kickboard die Bühne und als höchstes Ziel nach dem Tod gilt ein Wikipedia-Eintrag. «Eine Operette lebt auch immer in der aktuellen Zeit», sagt Dietrich über die Modernisierung des Stücks. In dieser Weise stolzieren einige Schauspieler in einer griechischen Toga umher, während andere einen Anzug und Krawatte tragen. Auf die Beine gestellt wurde die Operette mit einfachsten Mitteln, etwa muss der Regisseur selbst ab und an den Vorhang ziehen. «Man hilft einander, wir funktionieren wie eine grosse Familie, wo sich alle einsetzen», sagt Erwin Heusser, der musikalische Leiter und Göttervater Jupiter.

Nur mit einem Orchester aus vier Personen wirkt das Ganze auch auf den Zuschauer familiär. In diesem Sinne scheuen die Schauspieler die Nähe vor dem Publikum nicht und verlassen die Bühne auch Mal durch die Zuschauerreihen. Neben viel Gesang wirkt wiederholt die Dialogform auf der Bühne. Dabei kommt es auch einmal zu einem Versprecher, was nicht verwunderlich ist bei den vielen Zungenbrechern.

Während das Bühnenbild und die Mittel sich in Schlichtheit üben, ist die musikalische Umsetzung eine Herausforderung. «Wir haben keinen Dirigenten, das ist ungewohnt», sagt Peter Schaffner, Chorist. «Für ein gutes Zusammenspiel müssen alle auf der Bühne aufeinander achten». Zusätzlich wurde wenig geprobt. Ungeachtet aller Schwierigkeiten verläuft die Aufführung reibungslos. Während der Gesang das Publikum auf emotionaler Ebene entführt, lockern die Dialoge mit viel Witz auf. Trotz der intendierten Kritik bleibt das Stück aber für viele im Publikum reine Unterhaltung.

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