Pressebericht

Baerbele (Larissa Angelini) und Roemer (Erwin Heusser) - Dieter Luescher
soaktuell.ch
Roman Baschung

Opera Brevis hat „Schwarzwaldmädel“ wiederentdeckt

Die Operette „Schwarzwaldmädel“ war seit der Uraufführung 1917 bis zum Verbot 1933 mit über 6'000 Aufführungen eine der erfolgreichsten Operetten auf den Spielplänen. Nach dem Krieg gab es nur selten Produktionen von diesem Stück, das nun allmählich wieder seinen Platz in den Theatern findet. In Wettingen gelang der Opera Brevis eine äusserst gelungene Wiederbelebung für die Schweiz!

Als 1950 die Verfilmung vom „Schwarzwaldmädel“ als erster deutscher Nachkriegsfarbfilm in die Kinos kam, hangelte man sich locker an der Handlung der Operette von Léon Jessel entlang. Mit einem der erfolgreichsten Filme überhaupt hatte jedoch niemand im Sinn, den Komponisten, der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfemt worden, und der an den Folgen von Misshandlungen gestorben war, zu rehabilitieren. Es ging nur darum, ein idyllisch-romantisches Bild vom neuen Nachkriegsdeutschland zu zeichnen. 

Munter und derb, romantisch und nachdenklich ging es auf der kleinen Bühne im reformierten Kirchgemeindesaal zu. Der agilen Truppe um das Gründungspaar Monica Angelini und Erwin Heusser merkte man in jeder Sekunde die grosse Spielfreude an, dieses Werk aufzuführen und dem dankbaren Publikum nahezubringen. Denn natürlich kennt man viele der eingängigen Melodien, ohne zu wissen, woher sie stammen.

Im 15. Jahr des Bestehens und mit der sechsten Produktion der Opera Brevis ging es also erneut mit einer zu Unrecht unbekannten Operette in den an den Aargau angrenzenden Schwarzwald mit seinem fiktiven Dorf St. Christof. Ein verwitweter Domkapellmeister mit überregionalem Renommee, vier Besucher aus Berlin und viele Bewohner des Dorfes sorgen rund um das Caecilienfest für Aufruhr, Liebeshändel und Verwirrungen. Doch natürlich wendet sich alles in dem idyllischen Schwarzwaldort zum Guten. Léon Jessel kleidet diese Geschichte mit überbordendem Ideenreichtum in sehr abwechslungsreiche Musik. Und er verbeugt sich in der Prügelszene auch vor Richard Wagner, in dem er das Thema der Prügelfuge samt Nachtwächter aus den „Meistersingern“ entlehnt.

Kirchenchoral steht neben Bauernpolka, Ländler neben Marsch, Weinlied neben grossem Walzer. Und auch Besinnlichkeit und Sentiment kommen nicht zu kurz in dieser frischen Inszenierung, die allen Darstellern genügend Raum gibt und nie aufdringlich wirkt. Blasius Römer, so heisst der von Erwin Heusser klang-und temperamentvoll gestaltete Domkapellmeister, studiert mit Kinder- und Kirchenchor selbst komponierte Lieder ein, die mit Witz und Wohlklang den kurzweiligen Abend beginnen lassen. Seine Hausangestellte ist das Waisenkind Bärbele, welches von Larissa Angelini mit Frische und aufhorchen lassendem Sopran dargestellt wird. Zwischen den Beiden scheint sich etwas anzubahnen, wenn nicht zwei Wandergesellen zufällig hereinschneien würden, die sich als sympathische Berliner herausstellen. Hans, der Eine, ist auf der Flucht vor seiner grossstädtischen Verlobten, und verliebt sich ins natürliche Bärbele (und sie dann auch in ihn). Thomas Leu kann mit dieser Rolle wieder einmal reüssieren. Freund Richard bandelt mit der künftigen Ex-Verlobten Malwine von Hainau an, in die er schon lange verliebt ist. Monica Angelini und Daniel Zihlmann avancieren in diesen Rollen zum Traumpaar der Operette, wenn sie sich musikalisch und szenisch zanken und lieben, singen und tanzen – und mit mühelosem Sopran und Tenor in himmlische Höhen begeben.

Neben diesem Haupt-Quintett, welches mal schwäbelnd, mal hochdeutsch die Turbulenzen der Handlung vorantreibt, gibt es noch des Domkapellmeisters Töchterlein Hannele (die entzückende Bettina Setz), den Bürgermeister und Gastwirt Jürgen (von Markus Nigg mit temperamentvollem Understatement gespielt) und seine Tochter Lorle. Diese hätte gerne ein Verhältnis mit dem etwas zu schüchternen Dorfschreiber Theobald. Virginia Rusch und Benjamin Widmer gelingt bestens der schwierige Spagat, nicht in mitleidiges Sentiment abzugleiten, sondern mit ihrer stillen Liebe zu berühren, zumal beide auch singendweise aufhorchen lassen. Ebenso wird in dieser Produktion die Rolle der Alten Traudel aufgewertet, was nicht zuletzt an der Interpretation von Silvia Teixeira-Christen liegen mag. Sie verkörpert die Tante vom Bärbele und wird wegen ihres Wissen um die Kräfte der Natur als Hexe verschrieen bzw. gemobbt, wie man es neudeutsch ausdrücken würde. Als Gegenpart zu all den nachdenklichen Momenten fungiert der Fabrikant Schmussheim, der in Thomas Dietrich einen veritablen Interpreten mit Berliner Schnauze und Schnauz findet.

Dietrich ist auch der Regisseur der Inszenierung und hat zusammen mit Heusser als musikalischem Leiter das Stück für die Opera Brevis bearbeitet. Aus dem Programmheft ist zu entnehmen, dass die Beiden auch noch andere Stücke von Jessel eingebaut haben. Das ist ihnen so gut gelungen, dass weder Kritiker noch Publikum wissen, was denn nun eigentlich nicht original zum Stück gehört. Der stimmstarke und spielfreudige Chor von 18 Personen und der siebenköpfige Kinderchor tun ein Übriges und sorgen auch für ein imponierendes Klangbild bei den grossen Szenen. Und das begleitende Sextett mit Beata Wetli (Flügel), Silvia Riolo Querflöte), Benjamin Heusser (Saxophon – und ja, es ist wohl schon ein Familienunternehmen), Claudio Canonica (Violine), Dieter Studer (Trompete) und Urs Gloor (Klarinette) spielt nicht nur manchmal szenisch mit, sondern weiss einen orchestralen Klangteppich zu zaubern und unter die eingängigen Musiken zu legen, die einen immer wieder zum Mitsingen animieren.

Nach dieser wieder einmal sehr gelungenen Operetten-Produktion darf man gespannt sein, was die Opera Brevis in zwei Jahren Unbekanntes oder Vergessenes ausgraben wird.

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